Mein Auftrag: Fotos von der Namensgebung 43. Polytechnische Oberschule „Walter- Ulbricht“

Im Frühjahr 1980 (also vor 40 Jahren) wurde ich von Eltern, deren Kinder die 43. Polytechnische Oberschule in der Max-Planck-Strasse in Leipzig besuchten, gefragt, ob ich bei der Festveranstaltung zur Namensgebung der Schule als „Walter-Ulbricht-Oberschule“ die Fotos machen würde.

Ich habe bis Ende der 1980-er Jahre viel fotografiert und diese in meinem eigenen Fotolabor entwickelt und vergrößert. Den Auftrag nahm ich gerne an, zumal ich damit auch Geld verdienen konnte.

Walter Ulbricht war von 1950 – 1971 der Erste Sekretär des Politbüros der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), er war erste Vorsitzende Staatsrates der DDR 1960 – 1971 (wurde kurz als Staatsratsvorsitzende bezeichnet, vorher war Wilhelm Pieck Präsident der DDR, dieses  Amt wurde 1960 abgeschafft).

Zentralbild/Junge 31.1.1961 Klingenthal Walter Ulbricht in Klingenthal. – Der Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Walter Ulbricht, weilte am Wochenende bei den Musikinstrumentenbauern in Klingenthal im Erzgebirge. In Begleitung seiner Gattin unternahm er hier auch Skiwanderungen und sah sich die III. Internationalen Skiwettkämpfe in den Nordischen Disziplinen an. U.B.z: Walter Ulbricht und Gattin beim Start und Ziel vom Langlauf zur Nordischen Kombination. **

1971 wurde Ulbricht durch Erich Honecker entmachtet.

Im Fernsehen der DDR und in der Presse wurden Filmaufnahmen und Bilder veröffentlich, die Ulbricht an seinem Geburtstag am 30. Juni 1971 zeigen, als er im Morgenmantel und in Hausschuhen (inszeniert als „alter und kranker Mann“) die Glückwünsche der Mitglieder des Zentralkomitees der SED, allen voran Erich Honecker, entgegen nahm.

Damit war die Ära Ulbricht offiziell beendet, man hörte bis zu seinem Tod am 01. August 1973 (ausgerechnet während der „Weltfestspiele der Jugend und Studenten“, die wurden angeblich auf seinen Wunsch weiter veranstaltet.) nicht mehr viel über ihn.

Es gab nach den „Weltfestspielen“ formal einen Staatsakt und das Begräbnis.

Damit war Walter Ulbricht aus dem Gedächtnis der Partei (SED), des Staates und der Geschichte der DDR verschwunden. Nicht aber aus den Köpfen der Bürger der DDR. Schließlich hatte er den Bau der Mauer veranlasst und dafür gesorgt, dass der „Schießbefehl“ erlassen wurde (bereits 1960). Ulbricht war der typische stalinistsche Parteifunktionär.

Um seine Witwe, Lotte Ulbricht, rankten sich viele Geschichten. Angeblich solle sie in der Schweiz leben, im Internationalen Frauenbund engagiert sein usw.

Umso erstaunter war ich, als ich vor Beginn der Feierstunde zur Namensgebung einer alten Dame vorgestellt wurde, die tatsächlich Lotte Ulbricht war.

Sie fragte mich, was ich hier machen wolle.

Ich erzählte ihr, dass ich für die Schule die Fotos machen soll, um dieses festliche Ereignis zu dokumentieren und fragte sie, ob sei damit einverstanden wäre, dass ich ein paar Fotos von ihr mache.

Sie tätschelte mein Gesicht und sagte „Junge, selbstverständlich, aber nur von meiner Schokoladenseite“, auf der anderen hatte sie einen großen Pigmentfleck.

Ich hielt mich daran und sie genehmigte mir die Fotos.

Es war ein interessanter Tag für mich, der in meinem Fotolabor endete, als ich die Fotos getrocknet und je einen Abzug zu Lotte Ulbricht gebracht hatte.

Musikcorps der Pionierorganisation auf den Stufen zum Zentralstadion (in der Nähe der 43. POS)
Aufzug der Ehrengäste (in der Mitte Lotte Ulbricht)
Ansprache von Lotte Ulbricht
Eintrag ins Ehrenbuch der Schule (im Beisein eines Vertreters der Stadt Leipzig und eines Pioniers)

Copyright für die schwarz/weiss-Fotos von Lotte Ulbricht by Michael Köhler/2020

  • Copyright für das Farbfoto von Walter Ulbricht „Neujahrsansprache 1970“
  • CC BY-SA 3.0 de
  • File: Bundesarchiv Bild 183-J1231-1002-002 Walter Ulbricht, Neujahrsansprache.jpg
  • Erstellt: 31. Dezember 1970date QS:P571,+1970-12-31T00:00:00Z/11
  • Copyright für das S/W-Foto „Klingenthal, Walter Ulbricht mit Gattin
  • Bundesarchiv, Bild 183-80009-0001
  • Junge, Peter Heinz
  • CC-BY-SA 3.0 / CC BY-SA 3.0 DE
  • Januar 1961

4 Antworten auf „Mein Auftrag: Fotos von der Namensgebung 43. Polytechnische Oberschule „Walter- Ulbricht““

  1. Einfach schön das zu lesen und es zeigt aber auch, das jeder versucht hat in der ehemaligen DDR zu überleben. Ich weiß auch als BRD Bürger damals, das nicht alles schlecht war in der ehemaligen DDR

    1. Lieber Michael,
      danke für die freundlichen Worte.
      Ich bin ja nun in der DDR groß geworden und vieles, was ich heute lese (meistens nicht von ehemaligen DDR-Bürgern) erfüllt mich schon manchmal mit Wut. Weil es so unehrlich ist.
      Es kann immer der am besten über etwas reden oder scheiben, der es nicht selbst erlebt hat.
      Natürlich hat sich jeder auf seine eigene Art und Weise „eingerichtet“, was die meisten gestört hat waren die Wohnungsnot. die Versorgungsengpässe und vielleicht erst dann die Tatsache, das wir nicht reisen konnten wohin wir wollten. Es gab noch eine Reihe von Unzulänglichkeiten, wenn wir ehrlich sind, die gibt es heute auch.
      Es gab das unsägliche Grenzsystem (die Mauer), den Schießbefehl an der Grenze mit seinen Opfern, die Stasi und ihre Methoden zur Unterdrückung einer freuen Meinungsäusserung usw. Diejenigen, die sich dagegen offen oder im Versteckten aufgelehnt haben, bekamen die „Härte des Gesetzes“ mit allen schrecklichen Folgen zu spüren.
      Die DDR hatte ca. 17 Millionen Einwohner, die allermeisten haben sich im wahrsten Sinne des Wortes arrangiert. Haben das Unvermeidbare hingenommen und das Beste für sich daraus gemacht. Also, es waren nicht alle Märtyrer und auch nicht alle bei der Stasi, in der SED usw. Auch hier muss man immer differenzieren.
      In noch folgenden Beitragen hier werde ich das näher erörtern.
      LG
      Michael

    1. Lieber Hartmut,
      vielen Dank für Deine freundlichen Worte. Du sagst es richtig, das waren noch Zeiten.
      Du kennst das Zentralstadion ja viel besser als ich.
      Alles Gute für Dich und Deine Familie. Wir hören bzw. lesen von einander.
      LG
      Michael

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