Warum ich bin wie ich bin

Seit meiner Kindheit leide ich unter Angststörungen. Das beschreibe ich im dritten Absatz. Einige meiner Mitmenschen und ein Chef haben diese permanente Angst erkannt und meine Situation schamlos ausgenutzt.

Erst während einer 9-montigen stationären Psychotherapie von Ende Oktober 1996 bis Anfang August 1997 konnte ich der Sache auf den Grund gehen.

Es gibt zwei traumatische Erlebnisse in meiner Kindheit, die dazu geführt haben.

Als 4-jähriger kleiner Junge musste ich mit ansehen, wie mein Vater am Heiligabend 1959 um 16:00 Uhr verhaftet und abtransportiert wurde. Es klingelte an der Tür, ich rannte hin, weil ich dachte der Weihnachtsmann kommt. Statt der roten Kleidung und dem langen weißen Bart sah ich zwei große Männer in schwarzen Ledermänteln und mit schwarzen Hüten auf dem Kopf. Diese Männer schoben mich beiseite, gingen zielstrebig an die Türen in der Wohnung, rissen sie auf und fanden meinen Vater im Wohnzimmer, wo er sich zusammen mit meinem kleinen Bruder (damals 2 Jahre alt), meiner Mutter und seinen Eltern (meinen Großeltern, die gemeinsam mit uns in der großen Wohnung lebten) aufhielt.

Ohne Worte rissen sie meinen Vater aus dem Sessel, er konnte sich gerade noch Schuhe und Mantel holen, schon waren sie mit ihm verschwunden. Meine Großmutter, seine Mutter, schrie und wollte nicht wieder aufhören. Anschließend betete sie ein Ave Maria nach dem anderen. Mein Bruder und ich waren völlig verstört, unsere Mutter hat sich liebevoll um uns gekümmert und konnte ihrem eigenen Schmerz nicht einmal rausschreien, wie sie es sicher getan hätte. Mein Großvater war vor Schreck ganz still geworden. Er, der nie ein Freund großer Worte war, saß völlig erstarrt auf seinem Stuhl und hat tagelang kein Wort gesprochen.

Seit dieser Zeit habe ich ein sehr gestörtes Verhältnis zu Weihnachten. Auch heute noch ist „das Fest der Liebe“ für mich kein richtiger Grund zum Feiern.

Was alles hinter dieser Verhaftung stand, haben wir vollständig erst nach der „Wende“ erfahren, als mein Bruder zwischen 2008 und 2010 endlich die Unterlagen von der Stasi-Unterlagenbehörde einsehen konnte. Das berichte ich in einem anderen Zusammenhang ausführlicher.

Erst ein dreiviertel Jahr später war mein Vater an einem sonnigen Morgen wieder zu Hause. Ich war gerade aufgestanden und sah ihn im Bad stehen, er rasierte sich.

Mein Bruder und ich wurden von unseren Eltern im katholischen Glauben, trotzdem weltoffen und zur Toleranz erzogen.

Die katholische Erziehung war dem Umstand zu verdanken, daß meine Großeltern (immer als die Eltern meines Vaters beschrieben), besonders aber meine Großmutter streng gläubig, waren und wollten, daß dies natürlich auch auf die Enkel übertragen wird. Mein kleiner Bruder war für das Priesteramt „vorgesehen“. Meine Mutter war evangelisch und musste für die Hochzeit mit meinem Vater zum katholischen Glauben konvertieren.

Wir Kinder gingen zum Religionsunterricht, lernten dort alles, was für einen richtigen Katholiken notwendig ist. Natürlich in kindgerechter Form.

Irgendwie war es für mich immer ein Erlebnis, vor allem wenn die Heiligen- und Märthyrer-Geschichten behandelt wurden.

Selbstverständlich war auch die Beichte (also dem Prister die kleinen, meist sehr kleinen „Sünden“ zu berichten) sehr wichtig, wir waren jede Woche dort. Ich hatte aber immer Angst, daß ich etwas falsch gemacht haben könnte und in die Hölle dafür komme.

Das wäre für mich das Schlimmste gewesen.

Ich habe bereits mit 7 Jahren gemerkt, daß ich mich eher zu Männern hingezogen fühlte. Als wir etwas größer und älter waren, kam auch das Thema „Sexualiät“ im Religionsunterricht auf den Plan. Selbstverständlich nicht so offen wie heute. Besonders wurden die Jungs (wir erhielten den Unterricht getrennt von den Mädchen), belehrt niemals „Hand an sich selbst zu legen“, das wäre eine unentschuldbare, schwere Sünde. Außerdem wäre noch schlimmer, wenn zwei Jungs oder Männer dies miteinander täten.

Eines Tages war unser Jugendpfarrer entweder krank oder hatte Urlaub, auf jeden Fall war plötzlich bei der Beichte ein anderer, älterer Priester da. Ich erzählte meine kleinen Sünden (also ich bin irgendwo zu spät gekommen, habe beim Religionsunterricht nicht richtig aufgepasst, meiner Mutter 10 Pfennige aus dem Portemonnaie [Geldbeutel] gestohlen usw.). Kleine unerhebliche Sünden.

Plötzlich fragte mich der Pfarrer ob ich wüsste, wie man „Selbstbefriedigung“ in der Umgangssprache nenne. Sofort dachte ich, der weiß alles – jetzt kommst du hier nicht wieder raus, sondern gleich ins Höllenfeuer. Er bedrängte mich, das „w….n“-Wort zu sagen. Natürlich kannte ich das, schließlich sprachen alle größeren Jungs auf dem Schulhof darüber. Nach langem Rumeiern meinerseits sagte ich ihm das „f….n“-Wort. Das sei falsch, sagte der Priester, gab mir meine Strafe für meine Sünden (10 Vater-Unser) und ermahnte mich, beim nächsten Mal ehrlich zu sein. Ich bin nie wieder zur Beichte gegangen, wenn dieser Priester da war.

Wir wurden älter, irgendwann konnten meine Großeltern nicht mehr zum sonntäglichen Gottesdienst mitkommen, also waren mein Bruder und ich allein unterwegs. Die Gottesdienste fanden in der Lutherkirche am Clara-Zetkin-Park statt. So schaute einer von uns beiden durch die große Tür hinein und sah, welcher Pfarrer die Messe las. Meiner Großmutter erzählten wir irgendeine Geschichte. Zusammen, also mein Bruder und ich, sind wir dann durch den großen Park gelaufen, bei Wind und Wetter. Das war das Schönste an diesen Sonntagen.

Als wir 12 bzw. 13 Jahre alt waren (so um 1968) , veranstaltete unsere Gemeinde zusammen mit anderen Gemeinden ein Wochenende, das der „Aufklärung“ im Sinne der Katholischen Kirche gewidmet war. An diesem Wochenende waren auch nur die Jungs da, die Mädchen wurden ein Wochenende später eingeladen.

Dort wurde anhand von „technischen“ Zeichnungen dargestellt, wie der Geschlechtsakt durchgeführt werde. Immer wieder wurde betont, dies sei der höchste Liebesbeweis zwischen Eheleuten, also Mann und Frau. Außerdem diene er nur zur Zeugung von Kindern. Liebe, Spaß und Freude am Sex spielte keine Rolle und war auch eine Sünde.

Die größte, unverzeihliche Sünde sei es jedoch, wenn zwei Männer mit einander verkehren würden. Das stehe als eisernes Gesetz in der Bibel. Nur habe ich vergessen, ob es im Alten oder Neuen Testament stand. Für mich war dieses Wochenende eine fürchterliche Tortur, zumal ich mit niemandem darüber sprechen konnte. Ich war der Sünder. Ich beging die größte Sünde. Ich war kein guter Katholik.

Mit Vollendung meines 18. Lebensjahres bin ich aus der Kirche ausgetreten.

Ich achte Menschen, die einen tiefen und ehrlichen Glauben an Gott haben (egal welche Religion, nur diese Menschen müssen ehrlich sein). Wogegen ich Heuchler, egal in welcher Form, auf den Tod nicht ausstehen kann. Also solche Leute, die „Wasser predigen und selbst Wein trinken“ sind mir zutiefst zuwider.

Foto: Copyright Familienfotos der Familien Köhler, by Tom Coal 2020